Der Herbstkobold

 

Hat mich erwischt

 

Das Licht zieht sich zurück

 

Mein Leben zwischen den

Wänden beginnt

 

Der Blick nach draußen

Zeigt mir Grenzen

Immer mehr Grenzen

 

Mir fehlt

Der weiche Sommerwind

 

Blauer Himmel

Zum Mit-träumen

 

Mir fehlt Sehnsucht

Mir fehlt

 

Erinnerung

An Leben

 

 

 

 

 

 

 

Draußen wird es kälter und dunkler

Eine Schwierigkeit mit ME-CFS ist die Temperaturregelung des Körpers. Er friert schneller, kann sich schlecht wieder erwärmen und das Ganze benötigt Kräfte die von der jeweiligen Tagesreserve wieder abgezogen werden.

 

Der Blick nach draußen ist ein Abwägen…

 

Früher war ein warmes Bad – gerade in der Herbst-Winterzeit ein sinnlicher Genuss – inzwischen ist das aufgrund des Kreislaufes und der totalen Entkräftung des Körpers danach – nicht mehr möglich.

 

Bleibt eine warme Dusche….wohlgemerkt am Nachmittag...aber oft ist auch das nicht möglich – denn der Körper benötigt enorm viel Energie um seine Temperatur danach wieder hochzuregeln – frierend – erschöpft – unter mehreren Decken – kann das bis zu zwei Stunden gehen – weitere Tätigkeiten sind dann nicht mehr möglich.

 

Und jetzt wird es also Herbst – die Möglichkeiten des Draußensitzens nehmen ab und die Entkräftung durch nasskaltes Wetter und Kälte zu. Das Licht schwindet…. so viele Kräfte….dass es abzuwägen ist.

 

Diese Zeit ist aber nicht einfach mit einem Buch zu ersetzen…mit Gesprächen mit Freunden…dazu reichen die kognitiven Kräfte nicht

Die permanente Koordinierung von nicht „zu viel“ aber auch nicht „zu wenig“ Aktivität – wird komplexer und mühsamer.

 

....und wie es so schön heißt: "Die Gefahr von Monotonieeffekten im täglichen Leben nehmen zu. Monotonie ist ein psychischer Zustand herabgesetzter zentralnervöser Aktiviertheit und kann durch die Gleichförmigkeit des Alltags zu zusätzlichen Herabminderung der schon nur in Maßen vorhandenen Wachheit führen. Längerfristige Unterforderungen oder ungenügende emotionale und motivationale Stimulierung – kann auf die Stimmung schlagen. Im Gefolge der Monotonie vermindert sich der Wachheitsgrad weiter, der Aufmerksamkeitsumfang wird eingeengt die Motorik verlangsamt sich und die Koordination verschlechtert sich deutlich."

 

Zu der schon bestehenden Entkräftung – der Stimmungsabsenkung die ja auch bei Gesunden in Richtung Herbst eintreten kann – kommt eine weitere Entkräftung dazu...und auch...das Jahr neigt sich wieder dem Ende zu...man hat vieles geschafft - hinter sich gebracht...erfahren, dass nicht alle ins kommende Jahr gehen werde...und mit einem selbst...? Hatte ich gehofft, dass sich doch noch etwas verändert?

 

Ein weiteres Jahr der Erkrankung schließt langsam seinen Kreis – ein Leben von dem man gar nicht wusste dass es existiert – reiht sich in den wiederkehrenden Jahresrhythmus. Jahr um Jahr, Monat um Monat und Tag um Tag.

 

Wenn ich von „man“ schreibe, schreibe ich von mir – manchmal brauche ich eine gewisse Distanz. Die Energien sinken in die Erde ab – hat man (ich) das früher rituell gefeiert…frage ich mich - wie ein entkräfteter Geist durch diese dunkle Zeit kommen soll – und ob er wohl im Frühjahr wieder erwacht?

 

Die Frage ist ganz pragmatisch – der Mensch/das Gehirn braucht Interesse und Verbindung zur Welt – Möglichkeiten darin gestaltend zu wirken und sei der Radius auch noch so klein.

 

 

Der Gedanke der in mir auftaucht…und ich schreibe das weil das ein Prozess ist von dem ich auch nicht weiß wie er sich gestalten wird – ist das Wort Inspiration - unter Inspiration (lateinisch: inspiratioBeseelung‘, ‚Einhauchen‘, aus in ‚hinein‘ und spirare ‚hauchen‘, ‚atmen‘; vgl. spiritusAtem‘, Seele, Geist; versteht man allgemeinsprachlich eine Eingebung, etwa einen unerwarteten Einfall oder einen Ausgangspunkt künstlerischer Aktivität.

 

 

Weiterhin finde ich unter dem Wort – als Folge der Inspiration – lebendiges, elektrisierendes, waches Empfinden. Lebendig, Elektrisiert, Wach – viele Menschen – draußen – in der Welt der Gehenden und sich Bewegenden – sehen nicht immer lebendig aus – elektrisiert – sie erscheinen mir teils müde, überfordert, unruhig...

 

Sie sollten aufpassen – eine Steigerung von Müde – zur völligen Entkräftung geht immer.

 

Im Hamsterrad voller „notwendiger“ Verpflichtungen rennen sie ihrem Körper davon – so sagt zwar ein indianisches Sprichwort:„Reise langsam, sonst kommt deine Seele nicht mehr hinterher“.

 

So reise ich inzwischen so langsam dass selbst meine Seele einzuschlafen beginnt. Die Menschen draußen wiederum rennen so schnell – dass ihre Seele wahrlich nicht mehr mitkommt.

 

Mir verfliegt auch die Erinnerung – nachts in meinen Träumen (und ich weiß welcher Luxus das ist – dass ich inzwischen wieder einige Stunden am Stück schlafen kann) – reise ich - bin unterwegs – wenn ich auch nie weiß wohin – oder wo ich herkomme oder wo ich wohne.

 

Es gibt Bilder wie ich früher getanzt habe – ich erinnere mich – aber nicht mehr von Innen – die Kraft und die Dynamik der Bewegung – ich erinnere mich – Schritt für Schritt durch den Wald – eine Wiese – eine schöne Mooslandschaft….ich erinnere mich – aber davon finde ich in meinen Zellen nichts mehr.

 

Es ist ein Prozess – von dem auch ich nicht weiß wie ich über den Winter komme – eine Ablenkung ist ja kaum möglich – ich bin dankbar einen Platz zum Leben zu haben  - mit MCS und EHS keine Selbstverständlichkeit.

 

Im Moment aber spüre ich die Grenzen nach draußen sehr stark und sie tun mir weh.

 

Ich sehe nur die Chance meinen inneren Kosmos zu erleben – hier das Gefühl von Weite – aber es kommt mir manchmal vor wie in einer isolierten Raumkapsel. Es gelingt mir nicht immer – diese innere Weite – ich werde sie suchen – eine andere Chance sehe ich nicht.

 

 

Die Tage vergehen 


Sie werden nicht mehr gezählt

Die Nächte vergehen

 


Sie werden nicht mehr gezählt

Die Sonne zieht sich zurück

 


Der Herbst rückt nah

 


Mit dunklen Tagen

 


Allein das manch blutrote Blatt


Erinnert an Säfte und Kräfte des Lebens

 

 

 

 

 

 

Der Sommer geht zu Ende

 


Erstes Laub fällt
Auf noch dampfende Erde


Der Sommer geht zu Ende
Das Licht zieht sich zurück


Wenn ich nicht einsam und verlassen
mich halten will


An Sommers nicht gelebten Träumen
Geh ich denselben Weg


Tief in meine Zellen
Ist meine Lebenskraft verborgen


Findet seit Jahren


Nicht Den Weg
Zu mir zurück


In verstummter Außenwelt
Geh ich
Such ich


Ströme in mir


Die sich nicht bündeln

 

 

 

 

 

 

 

Herbst 2015