Bruttosozialglück

 

Albert Einstein wird der Satz zugeschrieben:

 

„Wir können die Probleme von heute nicht lösen mit dem Denken, durch das die Probleme von  heute entstanden sind.“

…stetiger Wirtschaftswachstum, die Steigerung des Bruttosozialprodukts und leistungsdefiniertes Auskommen (ja nachdem welche Art von Leistung in der Wirtschaft als entlohnungswürdig definiert wird) – werden uns Mantraartig als Gleichung für das Wohlergehen des Menschen dargelegt (unermüdlich) – bis wir selbst auf keine andere Idee mehr kommen.

Was wäre aber wenn anstelle der Gewinnmaximierung (mit oft sehr verkürztem Denken – was Folgen für unsere Umwelt, Klima, Gesundheit…Nutzung billiger Arbeitskräfte im Ausland, Einmischung in deren Strukturen…) – im Hintergrund jedes Handelns – das Wohlergehen der Menschen und ihrer Umwelt und Arbeitsbedingungen läge?

 

Das Ziel bestimmt die Art des Weges.....

 

 Es gibt tatsächlich ein Land mit einer Staatsphilosophie die sich am Bruttosozialglück ausrichtet.

 

....In Bhutan richtet sich seit über dreißig Jahren die Staatsphilosophie am Bruttosozialglück aus –  so entsteht eine andere Art der Gleichung an der Wohlstand nicht nur am Geld und Konsumverhalten gemessen wird. 

 

In dem Falle lautet das Staatsziel (immerhin 750 000 Einwohner): Vertrauensvolle Beziehungen zwischen den Menschen, Zeit für Meditation, freier Zugang zur Gesundheit und Bildung und eine gesunde Umwelt. 

 

Aber Bhutan hat auch zu kämpfen;  mit den Veränderungen der Zeit und der Globalisierung. Die jungen Leute drängen in die Städte, Jugendarbeitslosigkeit, Alkohol, Drogen finden Einlass. Die Männer beklagen sich, dass die Frauen selbständiger werden, sich schneller scheiden lassen(?!)…individuelle Freiheit und traditionelle Werte kommen in Konflikt.

 

Grundlage dieser Lebensweise ist die traditionelle Verortung im Buddhismus – mit dem Streben nach Harmonie zwischen den Menschen und dem Menschen und der Natur. (Lassen wir jetzt mal für einen Moment außen vor, dass die meisten Religionen Schwierigkeiten mit der Gleichberechtigung von Mann und Frau haben)

 

Aber dem globalen Druck und der globalen Gleichung: Glück= Konsum, kann sich auch dieses Land nicht weiter entziehen. 

 

Das Land importiert inzwischen vermehrt Autos, Kühlschränke, Smartphones und vieles anderes aus dem Ausland. Das Bruttosozialglück gerät in Konflikt mit dem Bedürfnis nach individueller „Konsumfreiheit“. Die Auslandsverschuldung wächst und damit die Abhängigkeiten. 

 

Gesucht werden jedoch auch Wege, das Staatsziel weiterhin zu erreichen und auszubauen:

 

  • Umweltschonende Verkehrsmittel
  • Verbesserung der Lebensbedingungen der ländlichen Bevölkerung 
  • Ausbau der Märkte für regionale Produkte
  • Ausbildung der eigenen Bevölkerung in den benötigten Bereichen.
  • Den Ausgleich von Gemeinwohl, Tradition und individueller Freiheit
  • Die Reduzierung der Abhängigkeit von anderen Ländern.

Quelle: Publik Forum, Nummer 23 (2015) Artikel: Auf der Suche nach dem Bruttosozialglück von Wolfgang Kessler

 

 

 

 

 

Und bei uns???????? 

 

Uns wird vorgegaukelt, dass unsere „Moderne“ nur unser „Glück“ wolle…darum Wirtschaftswachstum...Wirtschaftswachstum...Wirtschaftsw....Steigerung des Bruttosozialproduktes (um jeden Preis?)

 

Hier scheint die Gleichung zu gelten; Freiheit = schnellste Bedürfnisbefriedigung (von Bedürfnissen die vorher zielgenau künstlich und über die gesamte Lebensspanne erzeugt wurden) und uneingeschränkte Konsummöglichkeiten ohne die Berücksichtigung von Umwelt, Gesundheit, Abhängigkeiten und Schnelllebigkeit… 

 

 

Exkurs: Kollateralschäden….“Ein nichtbeabsichtigter Schaden der unausweichlich war (?)“ – durch die „Nichtbeabsichtigung“ – werden Handlungen die Schaden zufügen (an Mensch /enrechten, Umwelt, Tier…) gleich mit entschuldigt und gerechtfertigt….Unausweichlich – mag es bei einer Rettungsaktion sein (von englisch collateral damage; aus dem Lateinischen collateralis für seitlich oder benachbart) aber unausweichlich ist es weder beim Militär, beim Arbeitsschutz, bei der Produktion von Gütern - ….und…unbeabsichtigt bedeutet nicht zwangsläufig „auf keinen Fall vermeidbar“ – der Soziologe Zygmunt Bauman – spricht hier von „ethischer Blindheit“ (mehr dazu in seinem Buch „Leben als Konsum“ in denen er die individuellen und gesellschaftlichen Kollateralschäden des Konsumismus beschreibt.

 

Jenseits aber von der Steigerung des Bruttosozialproduktes – stellt sich auch die Frage; wie wäre es mit der Steigerung des menschlichen Wohlbefindens – unabhängig von Nationalität und Leistungsfähigkeit? 

 

Die Gleichung: Steigerung des Bruttosozialproduktes (stetiger Wirtschaftswachstum) und dem Wohlbefinden der Menschen ist nicht zwingend schlüssig. Uns wird immer wieder suggeriert, …Wirtschaftswachstum= mehr Arbeitsplätze = mehr Auskommen (Konsumentensicherung) = Sicherheit… und wer will das nicht?

 

Und wer krank ist? Und wer jung ist? Und wer anders ist? Und wer alt ist? Und sind das nicht alles Zyklen die wir durchlaufen oder ein uns naher Mensch?

 

Und Wirtschaftswachstum zum Preis der Umwelt, miserabler Arbeitsbedingungen von Menschen(auch hierzulande; siehe Veröffentlichungen von Werner Maschewsky - Risikoberufe für mcs und Kindern in anderen Ländern, unserer Erde, unserem Mutterboden, unserer Luft, unserem Wasser? Wie lange soll diese Gleichung aufgehen?

 

Sind eine gesunde Umwelt, ein gesunder Körper (und Geist), menschengerechte Arbeitsbedingungen, Kindern die nicht arbeiten müssen (für unseren Wohlstand) sondern zur Schule gehen können, säubere Luft und Wasser nicht auch unsere Bedürfnisse?! Glauben wir wirklich dass wir das mit den ständig wiederkehrenden „Greenwashing“ Slogans der Werbung erreichen können?! 

Weltweit einflussreiche Marketingfirmen und Marktforschungsunternehmen wie die GfK (übrigens auch zuständig für die Einschaltquote und Chartermittlung) "helfen" den Firmen ihre „Markt-Performance“ zu optimieren. Die „emotionale“ und „soziale“ Beziehung des Konsumenten (also wir) zu einem Produkt wird untersucht, gestärkt und gefestigt und überhaupt erst etabliert. Die sogenannte online purchase journey (Informations-, Such und Kaufentscheidungsprozesse werden analysiert und ständig optimiert.

Der Konsum wird zu Erlebnissen hochstilisiert und Marken müssen über Emotionen an den Verbraucher gebunden werden. (Aber auch durch ihre Prognosen und Umfragen (nicht nur im Produktbereich) legen ihre Einschätzungen fest wohin der Weg weiter geht, die Vielzahl ihrer Kunden - allesamt bekannte Marken, spricht da für sich. (Es gibt sogar einen eigenen Produktaward und hier treten alle an die Rang und Namen haben. (Dabei geht’s nicht um einfache und tatsächliche Konsumprodukte sondern das betrifft auch der Gesundheitsbereich, Versicherungs- Bankwesen…)...aber ich komme vom Thema ab.

 

Auch die Gleichung: Freiheit = ständiger Konsum - hat sich schon stetig in uns verinnerlicht - niemand möchte der Umwelt oder anderen Menschen wissentlich schaden - und doch - schaffen wir es zu ignorieren - was unser Handeln im Hintergrund bewirkt!

 

 

 

 

Ständig wird sich damit beschäftig wie neue Bedürfnisse in uns so konstruiert werden können, dass wir glauben, das entspränge wirklich aus unserem eigenen Inneren. Um diese Bedürfnisse zu befriedigen – mit denen uns ein glückliches Leben suggeriert wird – kommt die nächste Gleichung ins Spiel:

 

 

Unsere bisherige Einstellung zum Begriff; Arbeit: 

 

Die sogenannte Erwerbstätigkeit ist gekoppelt mit dem Erwerbseinkommen.  (Leistung soll belohnt/entlohnt werden (oder im Falle gesundheitsschädigender Arbeiten eher entschädigt werden)) Damit gemeint ist aber nur die bezahlte Arbeit – während die unbezahlte Arbeit kein Einkommen erzeugt (und auch kein Gefühl – eine Leistung erbracht zu haben) – eher ein mögliches Einkommen sogar mindert oder gar gefährdet.


Unbezahlte Arbeit wie: Erziehung, Haushalt, ehrenamtliche Tätigkeit, soziales, künstlerisches Engagement, Pflege von kranken oder alten Angehörigen und sehr viel unterbezahlte Arbeit…Kindergarten, Krankenhaus, überlastete Bildungseinrichtungen….Altersheime, Hospize….


Eine Mutter die ein Kind geboren hat und zunächst zu Hause bleibt ist arbeitslos(!) – wer einen Sterbenden betreut und "nebenher" nicht arbeitet;  ist arbeitslos (!), wer unentgeltlich mit Kindern und Jugendlichen Sport oder andere Aktivitäten anbietet und zusätzlich nicht arbeitet;  (ist arbeitslos!)… u n d er steigert damit n i c h t das Bruttosozialprodukt!

 


Was bedeutet dies nun für einen Erwerbslosen?.....


…ein Erwerbsloser muss sich selbst neu definieren….denn er liegt ja der „Gesellschaft auf der Tasche“…dass wir alle, sei es durch unser zu junges Alter, oder zu altes Alter oder aus gesundheitlichen Gründen – selbst diese Phasen einmal durchlaufen werden, scheinen wir zu vergessen.

 


Existenzängste aufgrund von:

 

  • nicht vorhandenen Arbeitsplätzen
  • fehlender Bildung oder Förderung
  • Verlust der Erwerbsfähigkeit
  • Wegrationalisierung
  • zu Alt
  • nicht Stressresistent genug
  • Überlastung durch Personalmangel und der Druck (in den Pflege und Gesundheitsberufen) – nicht mehr verantwortlich arbeiten zu können
  • Zeitverträge
  • Krankheit
  • Einen Angehörigen zu pflegen..
  • Kinder zu erziehen…

 

……..gehen an die Basis der Menschen……und können krank machen.
Der komplette Selbstwert steht auf dem Spiel – der Zugang zur Teilhabe – Familien mit wenig Einkommen oder Alleinerziehende erleben dazu noch den Druck ihre Angehörigen nicht adäquat versorgen zu können um einem Erwerb nachzugehen. Erkrankte Menschen und Menschen die andere pflegen, erleben Existenznöte und wer nachts nicht schlafen kann, bleibt oder wird auch nicht gesund.

 

…und wer um seine Existenz kämpfen muss – hat wenig Raum für kreative Impulse oder fürsorglichem Handeln!

 

Das Ziel bestimmt die Art des Weges.... 


In 2001 wurden in Deutschland 56 Milliarden bezahlten Arbeitsstunden geleistet, sowie 96 Milliarden unbezahlten Arbeitsstunden (Hausarbeit, Erziehung, Pflege, ehrenamtliche Arbeit usw.).

 

Warum also mal nicht den Gedanken zulassen


"Ich habe ein Einkommen, um arbeiten zu können", nicht "Ich arbeite um ein Einkommen zu erhalten". Zitat von Prof. Götz Werner (DM-Kette-Gründer)

…oder wer nicht mehr arbeiten kann…ich habe ein Recht auf Existenzsicherung weil ich als menschliches Wesen meinen Wert nicht verdienen und berechnen lassen muss!

…oder wer nur noch wenig arbeiten kann…kann und darf auch dieses Wenige tun…

…oder wer sich privat um andere Menschen oder Angehörige kümmert – kann dies tun ohne dass seine Existenz gefährdet ist…

 


Doch an der Idee des Grundeinkommens scheiden sich die Geister, dabei soll es nur die grundsätzlichen Lebensbedürfnisse sichern, nicht weniger, aber auch nicht mehr. Die meisten Menschen haben jedoch Bedürfnisse darüber hinaus, für die sie dann ohnehin arbeiten müssten und würden. Dies würde auch dazu führen dass sich Arbeitgeber ihr Unternehmen attraktiv machen müssten für den Arbeitnehmer und nicht umgekehrt.
Es bliebe mehr Zeit für Kreativität und ehrenamtliche Tätigkeit…die einen immens wichtigen Beitrag zum Wohlbefinden einer Gesellschaft leistet.

 


Es erfordert eigenständiges Denken…der bewusste und nicht vorgeschriebene Umgang mit der menschlichen Lebenszeit und wirft auch Fragen auf wie;

 

  • Was will ich im Leben?
  • Wofür bin ich auf die Welt gekommen?
  • Worin besteht meine persönliche Lebensidee?


 

 


Der bisherigen Gesetzeslage liegt ein Menschenbild zugrunde – das den Menschen für nicht eigenständig genug erachtet – seine persönliche Lebensidee zu finden und diese konstruktiv für sich und die Gesellschaft umzusetzen. (Wär doch mal ein sinnvolles Schulfach!) Anstatt den Menschen hierin zu unterstützen auf seinem Weg – und einen nächsten Schritt zu gehen – werden weiterhin nur die bekannten Pfade weiterausgetreten….aber

 


Der Satz von  Einstein bleibt also weiter spannend:


Wir können die Probleme von heute nicht lösen mit dem Denken,
durch das die Probleme von heute entstanden sind.

 

 

 

…das Ziel, die Vision bestimmt die Richtung und öffnet Türen für neue Möglichkeiten....warum also mal nicht neue Gedanken zulassen und neue Wege gehen?

 

…die eine Frage ist das politische Menschenbild die hinter unserem Wirtschaftssystem steht – die andere…ist der Einzelne dazu bereit Bedingungslosigkeit in der Welt oder wenigstens in unserem engsten Umkreis zuzulassen?

 

 

Auch hier…das Ziel bestimmt die Art des Weges

 

Also:

 

  • Welches ist unser eigentliches inneres Ziel? (Wenn wir mit allem versorgt wären, was wir bräuchten)
  • Was wählen wir im täglichen Leben…überwiegend die Angst – oder suchen wir auch Wege des Friedens?
  • Gibt es Momente in denen wir zulassen können „nicht zu kämpfen“ und stattdessen „zuzulassen“?
  • Was geschieht, wenn wir da wo wir uns gewohnheitsmäßig zusammenziehen…einmal Probehalter ausdehnen?

 

Wohin wollen wir? Was ist unsere innere (ethische) Ausrichtung? Als Gesellschaft? Als einzelne Person? Haben wir genug Informationen um wirklich bewusst entscheiden zu können?


Quellen:

 

http://www.unternimm-die-zukunft.de/media/medialibrary/2012/11/gespraecheueber_kreativitaet.pdf

http://blog.freiheitstattvollbeschaeftigung.de/ 

https://www.mein-grundeinkommen.de/

 

Über das Projekt: "Mein Grundeinkommen" sammelt per Crowdfunding Geld für ein Bedingungsloses Grundeinkommen. Immer wenn 12.000€ zusammen sind, werden sie an eine Person ausgelost.

Gewinner...von mein-grundeinkommen berichten wie sich das auf ihr Leben ausgewirkt hat. 

 

Zygmunt Bauman; „Leben als Konsum“- Hamburger Edition- Deutsche Ausgabe 2009

 

In Finnland werden derzeit die Auswirkungen eines Grundeinkommens auf eine bestimmte Anzahl zufällig ausgewählter Erwerbsloser getestet. Sie erhalten (allerdings nur 560 Euro) im Monat ohne Bedingungen und können sich ohne finanzielle Nachteile etwas dazuverdienen. Mehr dazu auf dem Block-Mein-Grundeinkommen ...die Ideen wie ein Grundeinkommen umgesetzt werden könnte, was der Mindestbetrag sein sollte - sind unterschiedlich - (zumal der Betrag jetzt noch nicht wirklich existenzielle Sicherheit vermittelt und somit nicht Aussagekräftig sein kann, was der Mensch umsetzen will - wenn seine grundlegensden Bedürfnisse (Nahrung, Sicherheit/Wohnung..) erfüllt sind.

 

Auch hier gibt es unterschiedlich dahinter stehende Motivationen:

 

Will man lediglich eine bürokratische Erleichterung für die Menschen, die sowieso ansonsten auch Sozialleistungen beziehen würden oder geht es um eine grundsätzliche Veränderung des Menschenbildes - und der Gestaltung der Lebensausrichtung für alle?

 

Aber immerhin das Thema bleibt im Gespräch - Veränderungen beginnen immer mit einem Prozess der die Möglichkeit eines Wandels zumindest ins Auge fasst.

 

Stilles Video

Was könnte Bedingungslosigkeit sein?

 

Weiterführende Gedanken:

 

Was Streß mit uns macht...

Erzeugung künstlicher Bedürfnisse